gelesen

S. 13

S. 14

S. 15-16

S. 16-17

S. 17

S. 18

S. 19

 S. 20

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S. 52


S. 53

Irgendwann kommt eine Zeit, da sind all deine Ausgänge wie mit Wachs zugestopft. Du sitzt in deinem Zimmer, fühlst ein Stechen in deinem Körper, es blockiert deine Kehle und ballt sich bedrohlich hinter den Augen in kleinen Tränentaschen. Ein Wort, eine Geste und alles, was in dir eingeschlossen ist - schwärender Ärger, brandige Eifersucht und viel zu viele unerfüllte Begierden -, einmal wird es aus dir herausbrechen, wütende, ohnmächtige Tränen, peinliches Geschluchze und Geflenne, das sich an niemanden persönlich richtet. Dich halten keine Arme, keine Stimme sagt: “Na, na. Schlaf drüber und vergiß es.” Nein, in deiner neuen und fürchterlichen Unabhängigkeit spürst du einen bedrohlichen, warnenden Schmerz, das Resultat von zu wenig Schlaf und straff gespannten Nerven, und ein Gefühl, daß die Karten diesmal ganz und gar gegen dich gemischt sind und daß es immer noch schlimmer wird. Du brauchst ein Ventil, doch alles ist versiegelt. Tag und Nacht lebst du in diesem dunklen engen Gefängnis, das du dir selbst gebaut hast. Und eines Tages spürst du dann, daß du platzen wirst, zerbersten, wenn du dieses große Reservoir, das in dir brodelt, das irgendein Leck im Damm sucht, nicht los wirst.

Auch das fällt weg. Du beißt die Zähne zusammen, haßt dich selbst für deine ängstliche Empfindlichkeit und fragst dich, wie Menschen es aushalten können, wenn ihre Persönlichkeit von einer maschinenartigen Diktatur gnadenlos zertreten wird, sei es die Industrie, der Staat oder eine Organisation, und das ihr ganzes Leben lang.


S. 55

Mein Problem? Sollte flexibler denken, frischere Bilder. Halte mich unbewußt zu sehr an Klischees und breitgetretene Kombinationen. Zu wenig Originalität. Zu viel blindes Verehren moderner Dichter, zu wenig Analysieren und Üben.

Da meine weibliche Welt stark durch Gefühle und Sinne wahrgenommen wird, behandle ich sie auch dementsprechend in meinem Schreiben, und das ist dann oft überladen mit langweiligen Beschreibungen und einem Kaleidoskop von Vergleichen.

… die grillenhaften, lyrischen, typographisch exzentrischen Verse E. E. Cummings’ …

Wenn ich, ach Gott, wenn ich die straffe, sparsame, klare Prosa von Louis Untermayer lese und die destillierten Intensitäten eines Dichters nach dem anderen, komme ich mir erstickt vor, schwach, blaß, zurückhaltend und völlig absurd. Meine Empfindsamkeit ist wie ein bleiches, farbloses Flämmchen.


S. 56

Ich denke nach über all die Wege, die ich nicht eingeschlagen habe, und bin nahe dran, Frost zu zitieren … laß es aber doch. Wie traurig, wenn man bloß andere Dichter im Mund hat. Ich möchte, daß man mich im Mund hat.

Wieso beherrscht mich der Gedanke, ich könnte mich selbst rechtfertigen, indem ich meine Manuskripte veröffentliche?……………………………….


S. 57

Dieser Junge war, weil es nicht anders ging (Mangel an anderen Kontakten), die einzige Antwort auf ein Bedürfnis; in ihm erkenne ich den Ursprung von allem, was mir angst macht und was ich vermeiden möchte. Auch verstehe ich die gleichermaßen blendende Notwendigkeit, immer das zu nehmen, was gerade geht, aus Furcht, so eine Gelegenheit käme nie wieder.

Jetzt weiß ich, was das Mädchen in Celia Amberly meinte, als es sagte: “Wenn er mich küsst, ist alles gut; dann bin ich wieder schön.” (S.35)


Wie Millionen anderen stand auch mir bei meiner Geburt noch alles offen. Aber dann wurde auch ich durch meine Umgebung und das Durchbrechen der Erbanlagen eingezwängt, verbogen, verkrüppelt. Auch ich werde ein paar Glaubenssätze finden, ein paar Lebensmaßstäbe und, obgleich gerade diese Befriedigung, sie zu finden, beeinträchtigt wird durch die Tatsache dieses äußert schalen, zweidimensionalen Lebens -, auch ein paar Wertvorstellungen. (S. 38)


Ach Gott, das Leben ist Einsamkeit, trotz all der Opiate, trotz der schrillen Fröhlichkeit sinnloser “Glitzerparties”, trotz der falsch grinsenden Gesichter, die wir alle aufsetzen. Und wenn man schließlich jemanden findet, bei dem man glaubt, man könne seine Seele ausschütten, hält man inne, schockiert über die eigenen Worte - sie sind so verrostet, so hässlich, so nichtssagend und wirkungslos, weil man sie so lange in diese kleine enge Dunkelheit in sich gesperrt hat. Ja, es gibt Freude, Erfüllung und Kameradschaft - aber die Einsamkeit der Seele in ihrer entsetzlichen Selbstbewusstheit ist grauenhaft und überwältigend. (S. 38/39)


Ich bin nicht so sentimental, wie ich klinge, aber warum zum Teufel wird man in diese glatte Erdbeer-mit-Sahne-Mutter-Gans-Welt hineinkonditioniert, in diese Alice-im-Wunderland-Märchen, wenn man sowieso auf dem Folterrad landet, kaum daß man älter und sich selbst bewusst wird als Individuum mit einer schwerwiegenden Verantwortlichkeit im Leben? […] Um sich bewusst zu werden, daß man irgendwie mithalten muß, auch wenn man Reichtum und Schönheit nicht für das Höchste hält. […] Um herauszufinden, daß du diese Leute nur willst, weil du sie nicht kriegst. (S. 41/42)


Du weißt, was auch immer du an Materiellem besitzt, es läßt sich nicht halten, es wird sich ebenfalls zersetzen und dir durch deine schwieligen und totenstarren Hände gleiten. Du wirst im Boden verfaulen, also sagst du, zum Teufel was soll’s? Wen kümmert’s? Aber dich kümmert’s, irgendwie willst du nicht bloß ein Leben führen, das einfach so getippt werden könnte, das in knappen Umrissen aus dem Ärmel geschüttelt werden könnte: “Sie war so und so ein Mädchen. …” Und das nach höchstens 25 Wörtern endet. Du willst so viele Leben wie möglich… du bist Kapitalistin, immer gewesen… und weil du achtzehn bist, weil du immer noch verletzbar bist, weil du immer noch nicht an dich glaubst, redest du ein bißchen keck daher, ein bißchen zu klug, nur zur Tarnung, damit man dir keine Sentimentalität vorwirft oder Gefühlsduselei oder weibliche Taktiken. Du verstellst dich, damit du über dich selbst lachen kannst, solange noch Zeit ist. (S. 47)


“Der Fels strahlte eine solche Hitze aus, eine so starke und angenehme Wärme, daß er mir fast wie ein menschlicher Körper vorkam. […] Die Sonne sickerte in jede Pore, erfüllte all meine verdrossenen Fasern mit einem wunderbar leuchtenden, goldenen Frieden.” (S. 49)


”(…) daß dies alles definiert wird durch das Wesen, das es betrachtet.” (S. 51)

Ich hatte mal einen spielsüchtigen Freund, der sagte: “Mir egal, ob ich gewinne oder verliere - ich will bloß zocken.”

Geld wird nur zum Problem, wenn man entweder zu viel oder zu wenig hat.

Ich nehme an, es wird immer etwas geben, mit dem wir uns unbedingt quälen wollen. (S. 7)

Ich kann sagen, was ich will, es hört sich prima an, weil ich beim Schreiben was riskiere. Es gibt zu viele, die zu vorsichtig sind. Sie studieren das Schreiben, und sie unterrichten es, und es geht ihnen daneben. Die Entscheidung fürs Konventionelle raubt ihnen ihr Feuer. (S. 8)

Hier oben gibt’s einen kleinen Balkon, die Tür steht offen, und ich sehe die Scheinwerfer der Autos, die auf dem Harbor Freeway in meine Richtung fahren - ein nicht abreißender Strom von Lichtern. All diese Menschen. Was machen sie? Was denken sie? Wir müssen alle mal sterben. Was für ein Zirkus. Das allein müßte schon dafür sorgen, daß wir einander lieben. Tut es aber nicht. Wir werden terrorisiert und geplättet von nebensächlichem Kram; wir werden aufgefressen von nichts und wieder nichts. (S. 9)

Ich habe die großen Philosophen gelesen. Was für merkwürdige, komische, verrückte Kerle. Spielernaturen. Descartes stellte sich hin und sagte: Ihr anderen habt die ganze Zeit nur Stuß geredet. Mathematik, sage ich, ist das Modell für absolute Wahrheit, die ihren Beweis in sich selbst trägt. Mechanik. Dann kam Hume mit seinem Angriff gegen die Gültigkeit von kausalem Wissen. Und dann Kierkegaard: “Ich stecke meinen Finger in die Existenz - und rieche nichts. Wo bin ich?” Und schließlich kommt Sartre und behauptet, die Existenz ist absurd. Ich mag diese Kerle. Sie rütteln an allem. Bekamen sie keine Kopfschmerzen von solchen Gedanken? Rauschte ihnen nicht ein Schwall von Schwärze durch die Zahnlücken? Wenn man solche Männer vergleicht mit den Exemplaren, die ich auf der Straße sehe oder in Cafés oder im Fernsehen, ist der Unterschied so gewaltig, daß ich einknicke wie nach einem Schlag in die Magengrube. (S. 11/12)

Ich trage den Tod in der linken Jackentasche mit mir herum. Manchmal hole ich ihn raus und sage: “Baby, wie geht’s dir so? Wann kommst du mich holen? Ich werde darauf gefaßt sein.”

Schlimm ist nicht der Tod, sondern das Leben, das bis dahin gelebt wurde. Menschen die, ihr eigenes Leben nicht würdigen, sondern darauf pissen. Es mit Scheißkram verplempern. Dumme Rammler, voll konzentriert auf Ficken, Kino, Geld, Familie, Ficken. Ein Hirn voll Flusen. Sie schlucken die Vorstellung von Gott und Vaterland ohne einen Gedanken. Bald verlernen sie das Denken ganz und lassen andere für sich denken. Ihre Hirnwindungen sind mit Baumwolle ausgestopft. Sie sehen häßlich aus, sie sind häßlich beim Reden und Gehen. Spiel ihnen die große Musik der Jahrhunderte vor, und sie hören sie nicht. (S. 13)

Hinter allem steckte die Andeutung: Der Computer verhunzt dir die Seele. Na, das gilt für die meisten Dinge. (S. 14)

Scheißspiel. Du solltest schon seit fünfunddreißig Jahren tot sein. Das hier ist ein bisschen extra Szenerie; paar zusätzliche Eindrücke von der Horror-Show. (S. 18)

Das Radio rechts von mir gibt sich Mühe, mir noch mehr große klassische Musik vorzuspielen. Ich höre mir das jeden Abend drei oder vier Stunden an, während ich mich mit etwas anderem beschäftige. Oder mit gar nichts. Es ist meine Droge, es spült mir den Dreck des Tages aus den Adern. Die Komponisten der Klassik bringen das bei mir fertig. Die Dichter, Romanschriftsteller und Erzähler nicht. Lauter falsche Fuffziger. Schreiben hat etwas, das die Schummler anzieht. Was ist es? Schriftsteller sind am schwersten zu ertragen, in Buchform und in Person. Am übelsten sind sie privat. (S. 18/19)

Ich habe etwas in mir, das ich nicht kontrollieren kann. Ich kann über keine Brücke fahren, ohne ans Runterspringen zu denken. Ich kann keinen See und keinen Ozean anschauen ohne den Gedanken an Selbstmord. Als würde im Dunkeln ein Licht angeknipst. Daß es einen Ausweg gibt, hilft dir, an Bord zu bleiben. Kapiert? Andernfalls gäbe es nur noch Wahnsinn. Und das ist nicht lustig, mein Lieber. Jedes gelungene Gedicht ist wieder eine Krücke für die nächsten paar Meter. Ich weiß nicht, wie es den anderen ergeht, aber wenn ich mich morgens bücke und mir die Schuhe anziehe, denke ich jedesmal: Das Leben hat etwas gegen mich; wir kommen nicht miteinander aus. Ich darf immer nur ein bißchen abbeißen, sonst hätte ich das Gefühl, ich muß einen Eimer voll Scheiße schlucken. Es überrascht mich nicht, daß die Irrenanstalten und Gefängnisse voll sind, und die Straßen auch. Um mich zu beruhigen, sehe ich gern meinen Katzen zu. Die geben mir ein gutes Gefühl. Aber steckt mich bloß nicht in ein Zimmer voll Mitmenschen. Bloß nicht. Besonders an Feiertagen. Bitte nicht. (S.19/20)

Sie ließ sich von mir scheiden und hatte auch recht damit. Ich war nicht gut genug zu ihr und hatte nicht die Größe, um sie zu retten. (S. 20)

"Denn wir alle wissen:
Einen Patzer bei einer Theateraufführung, weniger gut tanzen können als die anderen, vermeintlich zu dünne Beine oder ein zu großer Kopf oder andere Erfahrungen dieser Art - darauf reagiert jedes Kind anders.
Einige wenige schwören, sich eines Tages zu rächen, indem sie versuchen, die Besten in einem Bereich zu werden, von denen alle annahmen, dass sie dort versagen würden. Sie schwören sich: ‘Euch zeig ich’s. Eines Tages werdet ihr mich noch beneiden.’
Die meisten aber nehmen ihre Grenzen hin, und damit wird alles nur schlimmer: Sie werden unsicher, gehorsam (obwohl sie von dem Tag träumen, an dem sie frei und in der Lage sein werden, alles zu tun, wozu sie Lust haben), heiraten, damit es heißt, so hässlich seien sie nun auch wieder nicht (obwohl sie sich selbst immer noch für hässlich halten), sie bekommen Kinder, damit es nicht heißt, sie seien unfruchtbar (obwohl sie eigentlich gar keine Kinder haben wollen), sie kleiden sich gut, damit es nicht heißt, sie wüssten sich nicht anzuziehen (obwohl sie wissen, dass man ihnen das hinter ihrem Rücken trotzdem nachsagt)."

— Paulo Coelho, Der Sieger bleibt allein
"Wenn man andere beim Denken belauschen könnte, würde man einiges hören, das wahr ist, und anderes, das mit der Wahrheit nicht das Geringste zu tun hat. Doch man könnte beides nicht voneinander unterscheiden. Die Frage, was wahr ist und was nicht, würde einen in den Wahnsinn treiben. Unzählige Gedanken und Vorstellungen, deren Sinn dir verschlossen bleibt.
Das liebe ich so sehr an Gedichten. Je abstrakter sie sind, desto besser. Wenn man nicht weiß, wovon der Dichter überhaupt spricht. Du hast eine Idee, bist dir aber nicht sicher. Jedes so sorgsam gewählte Wort kann die verschiedensten Bedeutungen haben. Wird es einfach symbolhaft verwendet oder gehört es zu einer einer größeren versteckten Metapher?
Der Leser hat die Aufgabe, den Code beziehungsweise die Bedeutung der Wörter zu entschlüsseln, und das tut er, indem er sein ganzes Wissen über das Leben und über Gefühle zur Geltung bringt.
Ist Rot ein Symbol für Blut? Zorn? Lust? Oder hat die Schubkarre im Gedicht nur deshalb eine rote Farbe, weil ‘rot’ besser klingt als ‘schwarz’?"

— Jay Asher, Tote Mädchen lügen nicht
"Ich habe eine Patientin hier, deren Ehe eine einzige Tragödie war. Sie sehnte sich nach Liebe, sexueller Erfüllung, Kindern und gesellschaftlichem Ansehen; doch das Leben zerstörte alle ihre Hoffnungen. Ihr Mann liebte sie nicht, weigerte sich sogar, mit ihr am gleichen Tisch zu essen, und sie musste ihm seine Mahlzeiten auf sein Zimmer bringen. Sie hatte weder Kinder noch eine gesellschaftliche Position. Da wurde sie geisteskrank; in ihrer Scheinwelt ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und nahm wieder ihren Mädchennamen an. Sie bildet sich nun ein, mit einem englischen Aristokraten verheiratet zu sein, und besteht darauf, Lady Smith genannt zu werden. Was die Kinder anbelangt, so bekommt sie in ihrer Einbildung jede Nacht ein neues. Jedes Mal, wenn ich mit ihr spreche, sagt sie: ‘Doktor, ich habe letzte Nacht ein Baby bekommen!’”
Im Leben sind alle ihre Traumschiffe am Felsen der Realität zerschellt; aber auf der sonnigen Zauberinsel des Wahnsinns laufen sie mit geblähten Segeln und bei günstigem Wind in den Hafen ein.
Tragisch? Ich weiß es nicht. Ihr Arzt sagte mir: “Wenn ich die Hand ausstrecken und sie heilen könnte - ich würde es nicht tun. Sie ist viel glücklicher so."

— Dale Carnegie, Wie man Freunde gewinnt